von Kimi Klemm, FrauenLesbenKalender

Falsch verbunden – ein Stück Tanztheater

Eine Frau sitzt auf den Stufen der Treppe. Eine kleine Waschbürste in ihren Händen. Fährt sich immer wieder im Gesicht damit herum. Dann treffe ich auf eine Seifenverkäuferin im Saal … Das Stück hat bereits begonnen, bevor es anfängt. In ihrem eigenen Faden verwickelt kommen Frauen auf die Bühne. Nehmen Kontakt auf, verbinden sich untereinander, tanzen Solos, Duos, Gruppenszenen. Festgehangene Frauen versuchen sich frei zu waschen. Handyklingeltöne flimmern durch den Raum. Eine Stimme fragt „wie bitte?“ eine andere antwortet „falsch verbunden“. Mir gehen Assoziationen von „verbunden“ durch den Kopf: sich verbunden fühlen mit, eine Telefongesprächspartnerin am Hörer haben, verbunden sein nach einem Unfall. …

„Falsch verbunden“ hieß das Stück der Frauentanztheatergruppe vom Hochschulsport der Uni Bremen, das am 13. Februar im Schnürschuhtheater einem vollbesetzten Saal präsentiert wurde. Unter der Leitung von Edda Lorna entstand ein lebendiges Werk, in dem 11 Frauen ihren ganz individuellen Stil zu einem Gesamtkunstwerk verwoben. Worte wie Abhängigkeit, an einem Faden ab-hängen, und Entwicklung, sich aus einem Wirrwarr an Fäden ent-wickeln bekamen plötzlich ganz neue Inhalte. Der Schwerpunkt lag auf der individuellen Stärke und Geschichte jeder einzelnen Frau und nicht auf perfekt einstudierten, künstlichen Bewegungsabläufen.

Dem Publikum, dass dicht gedrängt auf den Rängen sitzt, gefällt´s – Mir auch – .Es klatscht wie wild, einige trampeln ihre Begeisterung ins Parkett. Später lese ich im Gästebuch: „Es hat mich sehr beeindruckt. Verschlungenheit als Verstrickung und Beglückung. Reinigungsprozesse.“ Und „sehenswert, unterhaltsam und witzig. Sehr schön die Verwandlungen der kleinen und großen Geschichten. Sehr schön die Vielfalt und Individualität in den Bewegungen.“
Für alle, die die Aufführung verpasst haben, gibt es einen zweiten Termin: am 19. Juni im Schnürschuhtheater.

Von der Haar- bis zur Fußspitze
Jetzt sitze ich auf dem großen roten Sofa bei Edda im Wohnzimmer. „Wenn ich tanze, dann bin ich“, sagt sie und ihre Augen leuchten dabei. Es fällt mir schwer etwas anderes zu glauben. Drei Dinge sind ihr in ihrer Arbeit wichtig:

Die Bewusstheit des eigenen Körpers. Präsenz halten und wahrnehmen, wo der Körper im Raum ist: jetzt bin ich hier und jetzt hier. Bewegung als Kommunikation. Im Alltag und auf der Bühne.
In bezug auf die Tanztheatergruppe sind das z.B. konkret die letzten 20 min. vor dem Auftritt. Wo Edda gestochen scharf denken muss, die Stimmung in der Gruppe aufnimmt und mit den passenden Impulsen reagiert. Sich zentrieren, Kontakt zum noch nicht vorhandenen Publikum aufnehmen, motivieren, auflockern. „Dieses 100% im Augenblick sein macht glücklich“, sagt sie.
Ihre Arbeit als Schatzsucherin. Denn da ist sie sicher: in jeder ist ein Schatz verborgen. Eddas Aufgabe ist es lediglich, dieses funkelnde Etwas sichtbar zu machen. Natürlich nur, wenn die Teilnehmerin demgegenüber offen ist. Offenheit ist übrigens die einzige Vorraussetzung, die frau für ihre Gruppe mitbringen muss. Keine Sportlichkeit, keine Tanzerfahrung ist notwendig. In ihrer Gruppe übt sie mit ihren Teilnehmenden sehen lernen. Eine macht eine Bewegungsabfolge vor, die anderen beschreiben, was sie gesehen haben. Und was genau sie daran spannend fanden. Wenn dann eine ihrer Teilnehmerinnen sich traut auf dem Uni-Boulevard zu tanzen, hüpft Eddas Herz mit.
Der Spaß. Wie kann ich Freude durch Bewegung mit meinem Körper haben? Fragt sie sich und gibt Impulse dazu in ihren Gruppen weiter. Kein Leistungsdruck. Wenn Lust und Entspanntheit dabei sind, dann entsteht es von ganz alleine, frau muss es nur lassen.
Der rote Faden der Edda Lorna
Edda Lorna ist eine Geschichtenerzählerin. Es fasziniert sie, Stimmungen, Themen und Gefühle in Tanz umzusetzen. Bewegungen sehr genau zu entwickeln, Persönlichkeit im Körper auszudrücken. Schon in der Schule spielte sie Theater und dachte sich mit ihren Mitschülern Choreographien aus. Später als sie dann an der Bremer Uni Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Tanz/Theater studierte, gab ein Intensivwochenende vom Senat für freie Tanzszene, den entscheidenden Ausschlag. Ein Tanzsolo auf Video prägte sich ein – „das will ich auch machen“ dachte sich Edda damals.

Mit ihrem Studium war sie unzufrieden, überlegte, abzubrechen, aber nicht ohne vorher etwas auszuprobieren: Mit ihrer kontaktfreudiger Art hatte sie in kurzer Zeit einige Menschen für eine Tanztheatergruppe zusammen. Die wechselnde Leitung entpuppte sich als ineffektiv und so übernahm sie die Gruppe. Etwas später wurde sie von einer Freundin, die Mitorganisatorin von einem internationalen Studententheaterfestival in Gießen war, gefragt, ob sie einen 3 Tages Workshop anbieten könne. Und Edda konnte.

Seit 16 Jahren gibt sie nun Unterricht. Ist Tänzerin, Choreographin und Tanzpädagogin. Hat Lehraufträge an der Uni. Arbeitet hauptsächlich mit Frauen, macht Mädchenprojekte. Bietet Tanztheater auf Kreta und Norderney an. Ist Bewegungstherapeutin in einer Klinik. Sie arbeitet mit den Bewegungsanalysen von Rudolf von Laban, der Tanz als Mittel der Persönlichkeitsentfaltung sieht und hat diverse Fortbildungen unter anderem in BMC (Body Mind Centering), Butoh (japanischer Ausdruckstanz) und New Dance. Einige ihrer Vorbilder sind die Choreographinnen Reinhild Hoffmann und Pina Bausch und die Solotänzerin Mary Wigman.

Seit ihrem 18. Lebensjahr leitet Edda auch Rituale. 2003 hat sie das Weidenschloss in Bremerhaven mit einem Ritual offiziell eingeweiht. Sie gestaltet Jahreskreisfeste, Geburtstage, Einweihungen und Hochzeiten. Persönliche Wünsche und Bedürfnisse werden von ihr aufgegriffen und in die magische Handlung miteinbezogen. Diesen Bereich möchte sie in Zukunft noch mehr Frauen zur Verfügung stellen.

Immer noch sitze ich auf dem roten Sofa. Trinke den letzten Schluck Tee. Frage mich, ob Eddas Tag ungerechterweise doppelt so lang ist wie meiner. Wann macht sie das bloß alles? Ihr Vorhaben für die nächste Zeit ist ein Solostück, an dem sie ein Jahr arbeiten will. Ihre Träume: bessere Bezahlung und ein eigenes Bewegungsstudio.

Kimi Klemm

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Portrait: Edda Lorna

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